Babyschlaf: Warum das Schreienlassen keine Lösung ist
Schreienlassen – Eine kritische Betrachtung aktueller Entwicklungen in der Schlafberatung
Kaum ein Thema beschäftigt Eltern so intensiv wie der Schlaf ihres Babys. Durchschlafprobleme, nächtliches Aufwachen und die damit verbundene Erschöpfung treiben viele Mütter und Väter an ihre Grenzen. In dieser Verzweiflung greifen manche zu vermeintlich einfachen Lösungen, die seit Jahrzehnten kursieren: dem kontrollierten Schreienlassen. Doch trotz jahrelanger wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Schädlichkeit dieser Methode erlebt sie aktuell eine besorgniserregende Renaissance.

Der historische Kontext: „Jedes Kind kann schlafen lernen“
Um die aktuelle Diskussion zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. Das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ prägte über Jahre die Vorstellung vieler Eltern davon, wie Babys schlafen lernen sollten. Die darin beschriebene Methode, auch als Ferber-Methode bekannt, basiert auf einem simplen Prinzip: Das Kind wird ins eigene Bett gelegt, die Eltern verlassen den Raum und kehren nur in zunehmend längeren Abständen zurück, um kurz nach dem Kind zu sehe
Noch 2009 war diese Methode so etabliert, dass selbst Kinderärzte sie empfahlen. Eltern wurde vermittelt, dies sei der einzige Weg, um ihren Kindern das Durchschlafen beizubringen. Das Versprechen war verlockend: Nach drei harten Nächten würde das Problem gelöst sein, und die ganze Familie könnte endlich wieder durchschlafen.
Warum die Methode scheinbar „funktioniert“
Das Perfide an dieser Methode ist tatsächlich ihre vermeintliche Wirksamkeit. Viele Kinder hören nach einigen Nächten tatsächlich auf zu schreien. Doch was aus Elternsicht wie ein Erfolg aussieht, ist in Wirklichkeit eine Kapitulation des Kindes. Die Kinder lernen nicht, selbstständig zu schlafen, sondern sie geben auf. Sie erfahren, dass niemand kommt, wenn sie ihre Bedürfnisse äußern. Sie fallen in eine Art Erstarrung, einen Schutzmechanismus, der aus evolutionärer Sicht dem Schutz vor Raubtieren dient.
Diese scheinbare Ruhe ist keine gesunde Entwicklung, sondern ein Zeichen von Resignation und Hilflosigkeit. Das Kind hat nicht gelernt, sich selbst zu beruhigen – es hat lediglich gelernt, dass seine Hilferufe sinnlos sind.
Der Paradigmenwechsel in der Schlafberatung
Über die letzten Jahre hatte sich in der Fachwelt ein breiter Konsens entwickelt. Kinderärzte, Kinderpsychologen, Entwicklungspsychologen und professionelle Schlafberater waren sich einig: Das klassische Schreienlassen ist nicht der richtige Weg. Die entwicklungspsychologischen Erkenntnisse waren eindeutig. Babys und Kleinkinder sind biologisch darauf programmiert, die Nähe ihrer Bezugspersonen zu suchen. Sie sind existenziell darauf angewiesen, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt werden.
Diese Erkenntnis führte zu einer Gegenbewegung. Viele Menschen kauften das besagte Buch auf Flohmärkten auf, nur um es zu entsorgen. Es entstand eine klare Haltung: Dieses Buch und seine Methoden gehören in die Tonne. Stattdessen entwickelten sich bindungs- und bedürfnisorientierte Ansätze, die das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellten.
Die aktuelle Kontroverse: Ein Rückschritt?
Umso alarmierender ist es, dass kürzlich ein Artikel in einer renommierten deutschen Zeitung erschien, der genau diese überholte Methode wieder salonfähig macht. Die Autorin beschreibt darin, wie sie ihre Kinder hat schreien lassen, und empfiehlt dies implizit als Lösung für andere Eltern. Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei das Schreinlassen völlig unproblematisch und Eltern sollten einfach den Mut haben, diese drei Nächte durchzustehen.
Was in jahrelanger Aufklärungsarbeit aufgebaut wurde, droht durch solche Veröffentlichungen wieder eingerissen zu werden. Dabei werden die langfristigen Folgen für die Kinder vollkommen ausgeblendet. Es wird nicht thematisiert, was Kinder wirklich brauchen und wie Schlafverhalten im Sinne des Kindeswohls positiv beeinflusst werden kann.
Die Sprache der Babys verstehen.
Ein fundamentales Missverständnis liegt in der Wahrnehmung dessen, was Schreien oder Weinen eigentlich ist. Für Babys ist es die einzige verfügbare Form der Kommunikation. Sie können noch nicht sprechen, nicht auf Dinge zeigen, keine Gesten machen. Ihr Weinen ist ihre Sprache – und jedes Ignorieren dieser Sprache ist wie das stumme Wegdrehen, wenn der Partner mit uns spricht.
Bei Erwachsenen ist bekannt, dass Ignorieren eine Form psychischer Gewalt sein kann. Es wird als Waffe in Konflikten eingesetzt und kann erheblichen emotionalen Schaden anrichten. Doch wenn es um Babys geht, wird dieses Ignorieren plötzlich als Erziehungsmethode verkauft. Dabei ist die Botschaft, die beim Kind ankommt, dieselbe: „Deine Bedürfnisse sind nicht wichtig. Du bist auf dich allein gestellt.“
Das Problem mit vereinfachten Ratschlägen
Wir leben in einer Zeit, in der Influencer oft mehr Gehör finden als ausgebildete Fachkräfte. Persönliche Erfahrungen werden zu universellen Wahrheiten erklärt, ohne die individuelle Komplexität der jeweiligen Situation zu berücksichtigen. Der erwähnte Zeitungsartikel ist ein perfektes Beispiel dafür: Eine Person berichtet von ihrer Erfahrung und vermittelt implizit die Botschaft „Macht es doch einfach wie ich“.
Diese Tendenz zur Vereinfachung zieht sich durch alle Lebensbereiche. Ob es um Fitness geht („Bauchmuskelgürtel statt Training“), Ernährung oder eben Erziehung – überall wird nach der einen einfachen Lösung gesucht, die ohne großes Nachdenken oder Mühe funktioniert. Doch Kinder sind keine Experimentierfelder für Quick Fixes.
Die Gefahr der Schwarz-Weiß-Malerei
Besonders problematisch ist die Art, wie die Debatte oft geführt wird: als wären die einzigen Optionen entweder das Schreinlassen oder die völlige Selbstaufgabe der Eltern. Diese falsche Dichotomie suggeriert, Eltern müssten sich entscheiden zwischen ihrer eigenen Gesundheit und dem Wohl ihres Kindes.
Dabei gibt es zwischen diesen extremen Polen ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Bindungs- und bedürfnisorientiertes Handeln bedeutet nicht, über Jahre hinweg auf Schlaf verzichten zu müssen. Es bedeutet nicht, bis zur totalen Erschöpfung die eigenen Grenzen zu überschreiten. Es gibt zahlreiche sanfte Methoden, mit denen Eltern das Schlafverhalten ihrer Kinder positiv beeinflussen können, ohne die Bindung zu gefährden.
Die Bedeutung individueller Lösungen
Jede Familie ist anders. Jedes Kind ist anders. Die Ressourcen, die Eltern zur Verfügung stehen, sind unterschiedlich. Ein Kind, das einmal pro Nacht aufwacht, stellt eine völlig andere Herausforderung dar als eines, das stündlich Zuwendung braucht. Eine Mutter mit unterstützendem Partner und hilfsbereiten Großeltern in der Nähe befindet sich in einer anderen Situation als eine alleinerziehende Mutter ohne familiäres Netzwerk.
Professionelle Schlafberatung beginnt daher immer mit einer gründlichen Analyse der individuellen Situation:
Welche konkreten Schlafprobleme bestehen?
Welche Ressourcen bringen die Eltern mit?
Wie groß ist die Belastung?
Gibt es Unterstützungsmöglichkeiten?
Was sind die Bedürfnisse aller Familienmitglieder?
Welche Lösungsansätze passen zur Familiensituation?
Erst auf Basis dieser Faktoren können sinnvolle, individuelle Strategien entwickelt werden. Ein pauschaler Fahrplan, den jede Familie gleich anwenden soll, kann dieser Komplexität nicht gerecht werden.
Das Primat des Kindeswohls
Bei allen Überlegungen zu Veränderungen im Schlafverhalten muss eine Frage im Zentrum stehen: Ist das, was wir tun wollen, im Sinne des Kindeswohls? Diese Prüfung sollte der erste Schritt jeder Intervention sein. Methoden, die das Kind in Todesangst versetzen oder seine Bindungssicherheit gefährden, können niemals eine vertretbare Option sein – unabhängig davon, wie erschöpft die Eltern sind.
Das bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse der Eltern unwichtig wären. Im Gegenteil: Ausgeruhte, emotional stabile Eltern können besser für ihre Kinder sorgen. Es geht darum, Lösungen zu finden, die sowohl das Kindeswohl wahren als auch die elterlichen Bedürfnisse ernst nehmen.
Die Rolle der mütterlichen Intuition
In der Flut von Ratgebern, Online-Tipps und gut gemeinten Ratschlägen von allen Seiten geht oft eines verloren: die eigene Intuition. Mütter (und Väter) haben ein feines Gespür dafür, was ihr Kind braucht. Doch dieses Gespür wird durch widersprüchliche Informationen von außen häufig übertönt oder infrage gestellt.
Es ist wichtig, sich bewusst Zeit zu nehmen, um nach innen zu horchen: Wie fühlt sich diese oder jene Methode für mich an? Was sagt mir mein Bauchgefühl? Passt dieser Rat zu mir und meinem Kind? Oft wissen Eltern intuitiv, was richtig ist – wenn sie sich trauen, auf diese innere Stimme zu hören.
Statt sich mit noch mehr Input von außen zuzuschütten, kann es hilfreicher sein, innezuhalten, zu atmen und in die Stille zu gehen. Die Lösung liegt nicht immer in einem weiteren Ratgeber oder einem neuen Konzept, sondern manchmal in der Rückbesinnung auf die eigene elterliche Kompetenz.
Verantwortung bleibt bei den Eltern
Ein wichtiger Aspekt wird oft übersehen: Selbst wenn Eltern ihre Entscheidungen auf Basis externer Ratschläge treffen, selbst wenn sie „nur“ einem vermeintlichen Experten folgen – die Verantwortung für ihr Handeln bleibt bei ihnen. Sie können diese Verantwortung nicht an einen Ratgeberautor, einen Artikel oder einen Influencer abgeben.
Das mag unbequem sein, ist aber eine fundamentale Wahrheit: Wir als Eltern treffen die Entscheidungen für unsere Kinder, und wir tragen die Konsequenzen dieser Entscheidungen. Dies sollte uns nicht lähmen, sondern dazu motivieren, Entscheidungen bewusst und gut informiert zu treffen – und dabei immer das Wohl unseres Kindes im Blick zu behalten.
Alternative Ansätze für besseren Babyschlaf
Es gibt zahlreiche sanfte Methoden, die helfen können, den Schlaf von Babys und Kleinkindern zu verbessern, ohne sie schreien zu lassen:
- Optimierung der Schlafumgebung: Temperatur, Licht, Geräuschkulisse und Luftfeuchtigkeit spielen eine wichtige Rolle für guten Schlaf.
- Altersgerechte Schlafenszeiten: Viele Schlafprobleme entstehen durch Über- oder Untermüdung. Ein dem Alter entsprechender Rhythmus kann Wunder wirken.
- Einschlafrituale: Berechenbare, beruhigende Abläufe vor dem Schlafengehen geben Sicherheit und erleichtern das Einschlafen.
- Sanfte Ablösung: Statt abrupter Trennung kann die elterliche Präsenz schrittweise reduziert werden, sodass das Kind sich sicher fühlt und gleichzeitig Selbstberuhigung übt.
- Ausschluss medizinischer Ursachen: Manchmal stecken hinter Schlafproblemen auch körperliche Ursachen wie Reflux, Allergien oder Schmerzen.
Fazit: Für einen bindungsorientierten Weg
Der Schlaf von Babys und Kleinkindern ist eine Herausforderung, die fast alle Eltern an ihre Grenzen bringt. Der Wunsch nach einfachen Lösungen ist verständlich. Doch Kinder sind keine Maschinen, die man mit einem Knopfdruck umprogrammieren kann, und sollte.
Die Methode des kontrollierten Schreinlassens mag oberflächlich funktionieren, doch die psychischen Kosten für das Kind sind hoch. Die gute Nachricht ist: Es gibt Alternativen. Es gibt Wege, das Schlafverhalten sanft zu beeinflussen, ohne die Bindung zu gefährden und ohne dass Eltern bis zur völligen Erschöpfung gehen müssen.
Was es braucht, ist eine differenzierte Betrachtung statt Schwarz-Weiß-Denken, individuelle Lösungen statt pauschaler Ratschläge, und vor allem: Vertrauen in die eigene Intuition als Eltern. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden, einen Weg, der sowohl das Kindeswohl achtet als auch die Bedürfnisse der Eltern ernst nimmt.
Die aktuelle Tendenz, alte, längst widerlegte Methoden wieder salonfähig zu machen, ist besorgniserregend. Es ist wichtig, dass Fachleute, Medien und die Gesellschaft insgesamt deutlich Position beziehen: für bindungsorientierte, entwicklungspsychologisch fundierte Ansätze und gegen Methoden, die Kinder in ihrer Not alleinlassen.
Denn am Ende geht es nicht nur um Schlaf. Es geht um Vertrauen, Bindung und die Grundlagen für eine gesunde emotionale Entwicklung. Diese sollten wir nicht für ein paar ruhige Nächte opfern.
Quellenangaben
Dieser Artikel basiert auf einem Podcast-Interview aus der Serie „Sleepmaster Shorts“ zum Thema Babyschlaf. Die Gesprächspartner diskutierten die aktuellen Entwicklungen in der Schlafberatung und die Problematik des Schreinlassens bei Babys.
Primärquelle:
Sleepmaster Shorts Podcast-Episode zum Thema „Babyschlaf und Schreienlassen“ (Transkript)
Erwähnte Literatur:
„Jedes Kind kann schlafen lernen“ – kritisch diskutiertes Ratgeberbuch zur Ferber-Methode
Fachliche Grundlagen:
Die im Artikel genannten entwicklungspsychologischen Erkenntnisse und bindungsorientierten Ansätze basieren auf der Expertise der Gesprächspartner als Schlafcoaches und ihrer Ausbildung in bindungs- und bedürfnisorientierter Familienbegleitung.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle Beratung durch qualifizierte Schlafberater, Kinderärzte oder Psychologen. Bei anhaltenden Schlafproblemen oder Unsicherheiten sollte professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden.
Link zum Artikel in der Zeit:
https://www.zeit.de/familie/2025-12/baby-schlaftraining-ferber-methode-eltern-england
